Neurophysiologische Entwicklungsförderung bei Kindern

beschäftigt sich mit der Erfassung neurophysiologischer Ursachen von Lern-, Verhaltens- und
Entwicklungsstörungen bei Kindern, Jugendlichen sowie auch bei Erwachsenen.

Hintergrund:
Im Institut für Neurophysiologische Psychologie (INPP®) in Chester/England entwickelten in
den 70er Jahren Dr. Peter Blythe und Sally Goddard-Blythe ein spezifisches
Bewegungsprogramm zur nachträglichen Integration frühkindlicher Reflexe. Bei vielen
Kindern mit motorischen Auffälligkeiten, Lern- und Verhaltensproblemen trotz guter bis sehr
guter Intelligenz, lassen sich Restreaktionen frühkindlicher Reflexe feststellen.

Die Persistenz dieser frühkindlichen Reflexe kann die nachfolgende Entwicklung der
Bewegung, der Augenmuskulatur, der Lateralisierung, der Wahrnehmungsverarbeitung und
der Auge- Hand-Koordination beeinträchtigen. Die Wirksamkeit der Neurophysiologischen
Entwicklungsförderung wurde durch standardisierte wissenschaftliche Methoden in einer
Doppelblindstudie nachgewiesen („The Lancet“, 2/2000).

Was sind neurophysiologische Entwicklungsverzögerungen?

Bewegung bildet die wesentliche Grundlage für menschliche Entwicklung. Die Bewegungen
des Kindes während der Schwangerschaft werden durch frühkindliche Reflexe ermöglicht.
Diese frühkindlichen Reflexe sind automatische immer gleich ablaufende Bewegungen und
werden vom entwicklungsgeschichtlichen frühesten Teil des Gehirns durch bestimmte
Reize ausgelöst. Sie helfen dem Kind bei dem Geburtsvorgang und sichern das Überleben
und die weitere Entwicklung in den ersten Wochen.
Je weiter die Hirnreifung voran schreitet, desto mehr entwickelt sich die Willkürmotorik heraus
und die Reflexmotorik wird unterdrückt bzw. gehemmt.

Die Bewegungsmuster richten sich mit weiterer Ausreifung des Gehirns differenzierter
auf die jeweiligen Umwelterfahrungen aus. Würden die ersten frühkindlichen Reflexe jedoch
weiterhin bestehen, so würden sie die weitere Entwicklung behindern.
Sobald sie von den Halte- und Stellreaktionen abgelöst werden, die uns die
Basis für automatische ablaufende Kontrolle über Gleichgewicht und Körperhaltung bieten,
sollten die frühkindlichen Reflexe innerhalb des ersten Lebensjahres nach und nach
gehemmt bzw. integriert sein. Sollten diese Reflexe aus unterschiedlichen Gründen
(Schwangerschaft, Geburt und weitere Entwicklung) unterschwellig aktiv bleiben, so
können sie zu Lern-, Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten führen.

Weitere Entwicklung verläuft auf unsicherem Fundament. Es erfordert im Alltag eine erhöhte Aufmerksamkeit
und Energie, um die Restreaktionen zu kompensieren. Diese Kompensationsmechanismen
können aber in Zeiten mit erhöhten Anforderungen zusammenbrechen. Besonders beim
Eintritt in die Schule, beim Übergang in die Berufswelt oder in Phasen einer
Mehrfachbelastung können sich neurophysiologische Entwicklungsverzögerungen
bemerkbar machen. Folglich kann das eigentliche Potential nicht oder nur unter großer
Anstrengung genutzt werden.

Neurophysiologische Entwicklungsverzögerungen zeigen sich häufig in:
• Ablenkbarkeit
• Aggressivität
• auditive Wahrnehmungsprobleme
• Aufgaben werden langsam bewältigt
• Ängstlichkeit
• Aufmerksamkeitsstörungen
• auffällige Sitzpositionen
• auffällige Motorik
• Einnässen
• fehlende freie Kopfbewegung
• Konzentrationsschwierigkeiten
• Lese-,Rechtschreibschwäche/LRS
• Rechenschwäche/Dyskalkulie
• Probleme in der Grob- und Feinmotorik
• Ungeschicklichkeit
• Koordination- und Gleichgewichtsprobleme
• Organisationsprobleme, ohne Struktur und Ordnung
• Probleme in der Blicksteuerung
• unruhig und zappelig
• verkrampfte Stifthaltung
• verzögerte Sprachentwicklung
• verzögerte Bewegungsentwicklung
• visuelle Wahrnehmungsprobleme
• …

Geringfügige Abweichungen in der frühkindlichen Entwicklung können die Wahrnehmung
und die daraus entstehenden Folgen in der kognitiven Verarbeitung nach sich ziehen. Um
die bestehenden Auffälligkeiten und die daraus resultierenden sozial-emotionalen
Schwächen aufzuarbeiten, kann eine gezielte neurophysiologische Entwicklungsförderung
erforderlich sein. Die Neurophysiologische Entwicklungsförderung bietet auf Basis der
Reflexmotorik ein Bewegungsprogramm um die Ausreifung des Gehirns zu unterstützen
und sorgt so für eine zweite Chance die nicht durchlaufenen, fehlenden oder schwachen
Entwicklungsschritte nachzuholen bzw. zu stabilisieren. Somit an den Ursachen der
Probleme gearbeitet und nicht nur einige Symptome verbessert.

Beispiele frühkindlicher Reflexe:

Restreaktionen eines Mororeflexes sind im engen Zusammenhang mit Ängsten und
Schwierigkeiten im Vestibularsystem sowie zeitweiser Hypersensibilität im visuellen,
auditiven und taktilen Wahrnehmungsbereich zu sehen.
Der ATNR – Asymmetrischer Tonischer Nackenreflex ist u.a. an der Problematik in der
Auge-Hand-Koordination (Feinmotorik/Schrift) und der Augenmuskelmotorik (Lesen,
Abschreiben) beteiligt. Seine Persistenz erschwert das Überkreuzen der Körpermittellinie
und somit auch fließende Überkreuzmuster in Bewegungsabläufen. Für Kinder, die noch
Reste des ATNRs aufweisen bedeuten die vielen Überkreuzungen in der Schreibschrift ein
zusätzlicher Aufwand. Häufig sind gefaustete Stifthaltungen zu beobachten.

Der TLR – Tonischer Labyrinth Reflex wird bei Gleichgewichtsproblemen als zentral beteiligt
angesehen. Jede Kopfbewegung nach hinten ändert den Muskeltonus im gesamten Körper
und somit fehlt es an einen räumlichen Bezugspunkt. Daraus können Probleme mit der
Einschätzung von Raum und Entfernung, Tiefe und Geschwindigkeit resultieren. Dies
wiederum macht Schwierigkeiten in der Orientierungsfähigkeit und auch Zeitwahrnehmung.
Eventuelle Probleme beim Erkennen von logischen Reihen und Mustern sind dann die
Folgen. Eine Veränderung der Kopfstellung bewirkt eine unwillkürliche Muskelveränderung,
die das Gleichgewichtszentrum irritiert und somit kompensatorische
Ausgleichsbewegungen erfordert. Hypotone Körperhaltung, Schwierigkeiten in der Serialität
und Organisationsprobleme weisen darauf hin.

Der noch nicht gehemmte bzw. integrierte STNR – Symmetrisch Tonischer Labyrinth Reflex
beeinträchtigt die Entwicklung des Krabbelns und ist u.a. an auffälligen Sitzpositionen
beteiligt.
Ein fortbestehender Spinaler-Galant-Reflex wird als beteiligt bei Bewegungsunruhe,
Enuresis angesehen. Die dadurch verursachte taktile Überempfindlichkeit v.a. in der
Lendenwirbelregion kann sich als Berührungsempfindlichkeit auswirken.
Durch die nicht gehemmten frühkindlichen Bewegungsmuster werden häufig die
Entwicklungen der Halte- und Stellreaktionen beeinträchtigt. Diese werden in der Regel im
ersten Lebensjahr erworben und sind für die Automatisierung der Halte- und
Bewegungskontrollen notwendig.

Vorgehensweise

In einem umfangreichen Gespräch wird die bisherige Entwicklung von Beginn an der
Schwangerschaft erfasst. Stellen sich in der Anamnese Risikofaktoren, welche im
Zusammenhang mit Ausreifungsverzögerungen des zentralen Nervensystems stehen
können heraus, so wird eine Erhebung des neurophysiologischen Entwicklungsstandes
empfohlen.

Diese Erhebung überprüft:
– Auge-Handkoordination
– auditive Wahrnehmung
– Bewegungskoordination
– Feinmotorik
– Gleichgewicht
– Graphomotorik
– Lateralitätsentwicklung
– Lese-, Schreib und Rechenfertigkeiten
– neuromotorische Aufrichtung
– Persistenz frühkindlicher Reflexe/Bewegungsmuster
– Verhalten
– visuelle Wahrnehmung

Nach Besprechung der Testergebnisse wird den Ergebnissen der diagnostischen
Untersuchung entsprechend ein häusliches Übungsprogramm erstellt, die unter Mitarbeit
der Eltern/des Partners (6-8 Wochen) täglich zu Hause durchgeführt werden. In
regelmäßigen Abständen wird das Übungsprogramm supervidiert.

Mehr Infos unter: http://www.motopaedie-schwerte.de